Was passiert, wenn wir gehen?
Mit den Orten, die wir besuchten, die Eindrücke, welche wir mitnehmen durften und die Geschichten, die wir weiter gegeben haben?
Diese Frage beantwortete sich uns, als wir erfahren haben, dass einer unserer liebsten Orte bald nicht mehr sein wird. Einige werden die Zementfabrik, über welche wir geschrieben haben, noch in Erinnerung haben. Doch diese Erinnerungen stimmen nun nicht mehr mit der Realität überein. Fast könnte man behaupten, seien unsere alten Bilder ein Fenster in eine andere Welt ...
Ich musste diesem Drang folgen.
Dem Drang, alles alte neu zu entdecken, die Fabrik erneut zu besuchen. Bis jetzt haben wir Gebäude gemieden, von denen wir wussten, dass diese bewacht waren, oder sich dort aus sonstigen Gründen Menschen aufhielten. Dies war sozusagen einer der großen Schritte bei der Auswahl eines neuen Abandoned Places. Hierzu verwenden wir beinahe alle möglichen Daten, seien es Satellitenbilder, vorangehendes ausspionieren oder Geschichten und Niederschriften im Internet. Doch hier war mir bewusst, dort gibt es andere.
Und dieses Wissen hat die Spannung um ein vielfaches Erhöht. Denn im Normalfall drehen sich meine Gedanken beim Betreten eines verlassenen Ortes um die Motive, welche mir vor die Linse kommen und die Gefahren, welche von den baufälligen Gebäuden ausgehen. Auf andere Personen nehmen wird normalerweise nur beim Betreten und Verlassen Rücksicht genommen. Bereits bei der Anfahrt, welche über eine Stunde dauerte legte ich mir einen Plan für die Umgehung möglicher Kontakte zurecht, doch dieser sollte zunichte gemacht werden ...
Überall Schilder:
- Eltern, gebt auf eure Kinder acht!
- Zutritt ist nur zugelassenen gewährt!
Doch das Schlimmste war, dass alle möglichen Eintritte verriegelt waren, selbst das kaputte und mehr als beengte Fenster hinter dem undurchsichtigen Gestrüpp war versperrt worden. Dieses Fenster war unser Zutritt beim ersten Besuch gewesen. Fast schon könnte man dies als das Fenster in die andere Welt bezeichnen, eine Welt, die der unsrigen nun versperrt ist. Der Plan musste geändert werden. Einige Minuten streifte ich um das Gebäude herum, achtete auf Arbeiter und Anrainer und darauf, nicht entdeckt zu werden. Und im passenden Moment huschte ich über den Zaun, nahe der Fabrik und begann den rutschigen Hügel hinaufzuklettern. Nun musste ich nur mehr das alte Wasserreservoir überwinden um von dem Blick, der sich mir bot erschreckt zu werden.
Was war hier nur passiert? Ich hatte die Fabrik so prachtvoll und mächtig in Erinnerung, doch davon war nun beinahe nichts mehr zu sehen. Zwei Bauwerke waren übrig geblieben, umgeben vom Schutt und den Überresten ihrer Nachbarn.
Ich habe noch immer den überdachten Durchgang vor Auge, den man hier hätte sehen sollen, und ein paar Schritte rechts von mir war der Eingang zu einer riesigen und unüberschaubaren Halle.
Doch genug der Sentimentalität. Diesmal war das Reinkommen selbst erheblich schwieriger. Ich musste über eine bröckelnde Mauer in ein kleines Fenster klettern, um in das Innere zu gelangen.
Über den wackeligen Stiegenaufgang hinter der bröckeligen Fassade kommt man bis nach oben, bis zu dem großen Loch in der Mauer. Von diesem Punkt aus konnte man über eine von Rost zerfressenen Brücke in sein Zwillingsgebäude.
An diesem Punkt hatte ich nicht mehr all zu viel Zeit, ein Stativ aufzubauen und mich um die perfekte Belichtungszeit zu kümmern, vielmehr hatte ich damit zu tun, so schnell wie möglich so viele Eindrücke wie möglich zu sammeln und zu verschwinden. Ja, ich wurde entdeckt.
Abschließend möchte ich noch sagen, ist es ratsam, unsere ungeteilte Aufmerksamkeit etwas ganz bestimmten zu widmen und unser Spektrum an Möglichkeiten um uns herum verfallen zu lassen?
Die Sonne war schon hinter dem Hügel verschwunden und die kühle Luft hat die Umgebung um einiges ungemütlicher werden lassen. Es wurde Zeit zu gehen, bevor ich noch mehr Aufmerksamkeit erregt hätte. Schnellen Schrittes bewegte ich mich den Hügel hinunter, von dem ich gekommen war, darauf achtend nicht gesehen werden. Noch ein letzter Sprung über den Zaun und ich würde wieder ein normaler Fußgänger sein.
Ein guter Tag.
Copyright by Magdalena M. & Philip D.
Ein guter Tag.
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